Was wäre, wenn Klimaschutz beim Bauen mehr als eine lästige Pflichtaufgabe wäre?

Portrait DGNB Präsidiumsmitglied Prof. Alexander Rudolphi
Im Prinzip ist die Diskussion eine Scheindebatte, denn es hat sich längst gezeigt, dass Klimaschutz im Bauen wirtschaftlich positiv ist. Wer heute nichts unternimmt, schadet nicht nur dem Klima, sondern hat mittel- und langfristig mit negativen Konsequenzen zu rechnen.
Prof. Alexander Rudolphi
Rudolphi + Rudolphi

Hamburg soll klimaneutral werden bis 2040. Fünf Jahre früher als bislang geplant. So haben es die Bürger der Hansestadt in ihrem Zukunftsentscheid vom Oktober 2025 beschlossen. Eine Nachricht, die Mut macht in Zeiten, in denen der politische und öffentliche Diskurs häufig von populäreren Themen bestimmt wird.

Wie ist das bei Ihnen? Ist bei Ihnen die Luft raus, wenn es darum geht, sich für Klimaschutz einzusetzen? Klar, die Dringlichkeit des Handelns ist allgemein anerkannt, und noch vor wenigen Jahren sind Millionen Menschen für den Klimaschutz auf die Straße gegangen. Aber heute? Haben wir da nicht andere Sorgen?

Gebäudesektor noch ein Klimaproblem

Deshalb zur Erinnerung hier einige überstrapazierte Zahlen: Rund 40 Prozent aller CO₂-Emissionen in Deutschland gehen auf das Konto des Gebäudesektors. Etwa 55 Prozent des Abfallaufkommens entstehen durch Bau und Rückbau. Und auch beim Ressourcenverbrauch ist der Sektor im negativen Sinn Spitzenreiter. Auch wenn diese Kennzahlen nicht besonders differenziert sind, so verdeutlichen sie doch eines: Gebäude sind Teil des Klimaproblems. Sie können aber auch Teil der Lösung sein: wenn Architekturschaffende es als Must-have betrachten, klimagerecht zu bauen.

Weniger ist mehr

Aber was heißt das überhaupt? Zunächst einmal ist die übergeordnete Aufgabe, bei jedem einzelnen Gebäude die klimaschädlichen CO2-Emissionen, die durch Bau und Betrieb anfallen, so weit wie möglich zu reduzieren. Aber wie gelingt das? Zuallererst einmal, indem man sich die wohl wichtigste Frage ganz zu Beginn der Planung stellt: Wie viel benötige ich überhaupt? An Platz, an Komfort, an Ressourcen? Ausgehend von diesem Prinzip der Suffizienz eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Zum Beispiel ist bei der Materialwahl darauf zu achten, langlebige Baustoffe zu verwenden und Bauteile wiederzuverwenden. Oder Produkte, die wenig CO2-Emissionen in der Herstellung erzeugen.

Den Lebenszyklus im Blick

Eine weitere Option ist eine kreislaufgerechte Bauweise, bei der das Gebäude am Lebensende wieder rückgebaut werden kann. Überhaupt sollte der gesamte Lebenszyklus immer mit bedacht werden – inklusive der späteren Nutzung und der dabei anfallenden Emissionen. Hierbei helfen Methoden wie die Ökobilanzierung, die bei Zielkonflikten Entscheidungen erleichtert. Letztlich geht es darum, Gebäude als Energieproduzenten zu verstehen. Möglichkeiten zur Erzeugung von regenerativer Energie direkt am Standort gibt es inzwischen genug – ohne dass die architektonische Qualität darunter leiden muss. Und nur so kann es gelingen, dass Gebäude klimaneutral werden.

Wäre es nicht schön, wenn all unsere Gebäude Ressourcen einsparen, das Klima schützen und selbst Energie produzieren würden?

Kunstmuseum Ravensburg

Das Kunstmuseum Ravensburg zeigte lange vor den aktuellen Debatten über zirkuläres Bauen, wie sich das Prinzip der konsequenten Ressourcenschonung praktisch umsetzen lässt. Bei Gebäudehülle und Dach wurden Altziegel aus dem Abbruch eines Klosters wiederverwendet. Materialien wurden so ausgewählt und verbaut, dass ein Rückbau problemlos möglich ist.

 

Neues Rathaus im Stühlinger, Freiburg

Das Rathaus in Freiburg war das erste öffentliche Gebäude der Welt, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Markant ist die Lärchenholzfassade, deren bewegliche Vertikallamellen mit PV-Modulen belegt sind und der Energiegewinnung und Verschattung dienen.

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Was wäre, wenn wir die realen CO2-Emissionen jedes Gebäudes kennen würden?

Tatsächlich sind wir auf einem guten Weg dahin. Denn der erste Schritt, nämlich die Berechnung einer Gebäudeökobilanz, ist in der Bau- und Immobilienbranche mittlerweile mehr und mehr Mainstream. Worum geht es dabei? Sie ist eine Methode zur ganzheitlichen Bilanzierung und transparenten Darstellung der Umweltwirkungen eines Gebäudes – von der Herstellung über die Nutzung bis zum Lebensende. Richtig angewandt hilft die Ökobilanzierung systematisch dabei, Optimierungspotenziale in Sachen Klimaschutz auszuschöpfen und eine angemessene Materialwahl zu unterstützen.

Anwendung der Ökobilanzierung lernen

Was wäre, wenn klar wäre, welche Bauprodukte sich zum nachhaltigen Bauen eignen?

Die Wahl geeigneter Materialien für nachhaltige Gebäude ist nicht so trivial, wie man meinen könnte. Je nach Produktgruppe, Anwendungsfall und verbauter Menge sind manche Aspekte wichtiger als andere. Als Orientierung helfen die Produktdatenbank DGNB Navigator und der Report „Bauprodukte im Blick der Nachhaltigkeit“. Dieser fasst die zentralen Aspekte bei der Materialwahl zusammen: Sind die Produkte wiederverwendet, sortenrein trennbar und schadstofffrei? Stammen sie aus der Umgebung? Und wie sieht ihre CO2-Bilanz aus?

Geeignete Bauprodukte finden

Was wäre, wenn es für jedes Gebäude einen vollständigen Ressourcenpass gäbe?

Das Wissen über die in einem Gebäude verbauten Materialen dient mehr als nur der Dokumentation. Es wirkt sich positiv auf heutige Planungen und Entscheidungen aus, wenn man ein Format wie den DGNB Gebäuderessourcenpass nutzt. Zumindest, wenn man mit der Zielsetzung arbeitet, möglichst achtsam mit Ressourcen umzugehen und nur das zu verbauen, was notwendig ist. Auch hilft der DGNB Gebäuderessourcenpass ganzheitliche Entscheidungen für einen möglichen Umbau und Rückbau zu treffen und Bestandsbauten als urbane Mine zu nutzen.

Mehr zum DGNB Gebäuderessourcenpass erfahren

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Klima und Ressourcenschutz

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"What If: A Change of Perspective"

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