Was wäre, wenn wir nicht mehr neu bauen dürften?

Portrait Präsidiumsmitglied Markus Müller
Es stimmt: rechnerisch ist genug gebaut. Aber halt nicht da, wohin es die Menschen zieht. Deshalb brauchen wir intelligente Abwägungsprozesse, gute Ideen für den Bestandserhalt und gute Konzepte zur Nachverdichtung. Nicht auf Wohnungsnot zu reagieren wäre zynisch.
Markus Müller
Architektenkammer Baden-Württemberg

Der Boden ist eine der wertvollsten Ressourcen, die wir haben. Und er ist begrenzt. Mit diesem Wissen wirkt eine Kennzahl absurd: Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland täglich immer noch mehr als 50 Hektar in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt. Das bedeutet, dass jeden Tag eine Fläche von dieser Größe neu bebaut oder asphaltiert wird. Und das, obwohl es eine Flächenstrategie in Deutschland gibt, deren Ziel der Netto-Null-Flächenverbrauch bis 2050 ist. Es ist also höchste Zeit, aus vertrauten Denkmustern auszubrechen. Indem wir unsere Böden versiegeln, verdrängen wir unaufhörlich Natur, nehmen Lebensraum weg und lassen Regenwasser nicht mehr versickern. Und was einmal zugebaut ist, wird selten wieder entsiegelt.

Die Zukunft liegt im Bestand

Das Prinzip „Neubau auf der grünen Wiese“ ist ein Auslaufmodell. Stattdessen geht es darum, Bebauung neu zu denken. Strukturen zu transformieren. Den Leerstand neu zu beleben. Nicht alles abzureißen, was älter als 30 Jahre ist. Und auch mal zu sagen: Diese Fläche bleibt unbebaut. All das sind Paradigmen, die noch viel zu häufig die Ausnahme statt die Regel sind. Dabei muss es selbstverständlich werden, sich mit dem, was bereits da ist, auseinanderzusetzen.

Gute Architektur währt lang

Derzeit fremdeln viele Architekturschaffende noch mit dem Bauen im Bestand. Öffentliche Aufmerksamkeit bekommt man schließlich nur mit spektakulären Neubauten. Deshalb braucht es ein neues Zielbild, das wir dringend verankern und einüben müssen: das Ideal vom sensibel und unaufgeregt transformierten Bestandsgebäude. Um dorthin zu gelangen, sind alle gefragt: Planende und Bauschaffende, die Politik und auch die breite Gesellschaft. Lassen Sie es uns als Privileg und Chance begreifen, etwas fortzuführen, was bereits geschaffen wurde!

Bauerbe kreativ bewahren

Die gestalterischen Möglichkeiten sind anders, aber vielfältig. Sanierung oder Modernisierung, Umnutzung, Aufstockung oder Nachverdichtung: Was für das jeweilige Projekt passend ist, hängt von der Bauaufgabe genauso ab wie vom Zustand des bestehenden Objekts. Es benötigt mitunter eine andere Form von Kreativität, Geduld und mehr Diskussion. Und vielleicht sieht man dem Ergebnis seine architektonische Qualität nicht direkt an. Aber ist das schlimm? Im Gegenteil! Denn es geht auch um das Bewahren des baukulturellen Erbes. Um das gute Gefühl, nicht den einfachen, sondern den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Also um das, was Architekturschaffende doch allzu gerne für sich in Anspruch nehmen: Die verantwortungsvolle Rolle als Gestaltende einer zukunftsfähigen baulichen Umwelt.

Wäre es nicht schön, wenn all unsere Gebäude Verbundenheit schaffen, sich verwurzeln und von ihren Nutzenden geliebt würden?

HOF8, Weikersheim-Schäftersheim

HOF8 ist ein ehemals landwirtschaftlich genutzter Gebäudekomplex, der lange leer stand und vor dem Abriss bewahrt wurde. Durch Wiederverwendung vorhandener Materialien aus der Umgebung wurde das Bauwerk in einen Plusenergiehof transformiert und mit generationenübergreifendem Nutzungskonzept reaktiviert.

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Was wäre, wenn wir alle Potenziale ausschöpfen würden, um Gebäude als Rohstofflager zu nutzen?

Weg mit dem Prinzip „Abriss im Schnellverfahren“, dafür mehr Wertschätzung für die notwendigen Untersuchungen und Planungen, was mit den verbauten Materialien sinnvoll passiert, wenn sie ausgebaut werden. Dieser Ansatz steckt hinter dem Zertifizierungssystem der DGNB für den nachhaltigen Gebäuderückbau. Dabei geht es im Kern um folgende fünf Grundprinzipien: 1. Transparenz schaffen, 2. Gefahrstoffe identifizieren, 3. die Verwertung und Entsorgung optimieren, 4. den Menschen im Fokus behalten und 5. bestehende Rückbauprozesse verbessern und ausbauen.

Mehr zurm DGNB System für den nachhaltigen Gebäuderückbau
 

Was wäre, wenn es für jedes Gebäude einen Plan gäbe, wie es klimaneutral wird?

Klimaneutralität ist das politisch gesetzte Ziel, das künftig für alle Gebäude gilt. Damit es kein theoretisches Konstrukt bleibt und wirtschaftlich umsetzbar ist, ist ein systematisches Vorgehen erforderlich: ein Plan, mit welchen Maßnahmen sich die notwendigen Verbesserungen der CO2-Bilanz zu welchem Zeitpunkt erreichen lassen. Hierfür hat die DGNB das Prinzip des gebäudeindividuellen Klimaschutzfahrplans eingeführt. Ausgehend von realen Verbrauchswerten werden Maßnahmen definiert, die den Weg zur Klimaneutralität beschreiben – mit messbaren Zwischenzielen, wirtschaftlicher Planbarkeit und einem Zeithorizont, der passt.

Mehr zum Klimaschutzplan im DGNB Rahmenwerk für klimaneutrale Gebäude und Standorte
 

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Visual zur DGNB Ausstellung "What if: A Change of Perspective", Schwarz-Weiß-Zeichung im Hintergrund, Text im oberen Bereich auf farbigem Hintergrund: Was wäre, wenn wir nicht mehr neu bauen dürften?
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Flächenschutz und Bestandserhalt

Visual zur DGNB Ausstellung "What If: A Change of Perspective"
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"What If: A Change of Perspective"

Visual zur DGNB Ausstellung bei Aedes


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Paul Bandowski

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